Imkerei Höveling

Raps oder Rabs?
by Leahcim Lemmots
ar-natura.de

​Heute Vormittag hatten wir einen strahlend blauen Himmel über Sachsen-Anhalt. Als ich dann vom Balkon Richtung Geiseltalsee schaute, war alles leuchtend gelb. Unwillkürlich musste ich eine Woche zurückdenken; da war ich auf Island und den Färöer-Inseln. Es ist ein wenig so – die Reiferen unter euch erinnern sich noch – wie der Unterschied zwischen Schwarz-Weiß- und Farbfernsehen. Dieses Gelb hat eine ganz besondere Intensität; es sieht aus wie eine Sonne, die sich auf die Erde gelegt hat.

​Die „Bauernlümmel“ unter euch Lesern wissen bestimmt, um welche Pflanze es geht, oder? Richtig: der Raps. Raps ist nämlich viel mehr als nur das leuchtende Gelb, das wir im Frühling auf den Feldern sehen. Er ist ein echtes Multitalent der Landwirtschaft. Der Name klingt zwar modern, ist aber eigentlich uralt. Er leitet sich vom lateinischen Wort „rāpum“ ab, was schlichtweg Rübe bedeutet. Wenn man sich eine Rapspflanze genau ansieht, merkt man auch, warum: Er ist eng verwandt mit Kohl, Senf und eben der Rübe. Im Englischen heißt er übrigens „Rapeseed“, wobei das Wort „Rape“ hier denselben sprachlichen Ursprung hat.

​Aber woher kommt er eigentlich? Ursprünglich stammt der Raps wohl aus dem Mittelmeerraum. Er entstand vor tausenden von Jahren durch eine natürliche Kreuzung von Wildkohl und Rübsen. Schon die Römer kannten ihn, aber damals war er noch nicht so beliebt wie heute. Man staunt immer wieder, wie lange es manche Dinge schon gibt.

​Was viele nicht wissen: Der Raps hat erst in den 1970er-Jahren seinen Durchbruch geschafft. Früher war Rapsöl nicht besonders lecker. Es enthielt viel Erucasäure (was in großen Mengen ungesund ist) und Glucosinolate (Bitterstoffe). Man nutzte das Öl daher hauptsächlich als Lampenöl für Straßenlaternen oder als Schmiermittel für Maschinen. Erst in den 70ern gelang Züchtern der Durchbruch mit dem sogenannten 00-Raps (Doppel-Null-Raps). Dieser enthält fast keine Bitterstoffe und kaum noch Erucasäure. Seitdem ist Rapsöl ein fester Bestandteil unserer Küche.

​Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich! Heute ist Raps „in aller Munde“. Er ist der Inbegriff der Kreislaufwirtschaft, denn fast nichts an der Pflanze wird verschwendet:

​Speiseöl: 
Rapsöl gilt als eines der gesündesten Öle, da es ein ideales Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren hat.
​Biodiesel:
Ein großer Teil der Ernte landet im Tank. Raps ist der wichtigste Rohstoff für Biokraftstoffe in Europa.
​Tierfutter: 
Wenn das Öl aus den Samen gepresst wird, bleibt der sogenannte Rapskuchen oder das Schrot übrig. Das ist extrem eiweißreich und ein wertvolles Futter für Kühe und Schweine.
​Bienenweide: 
Rapsfelder sind für Imker Gold wert. Ein Hektar Raps kann bis zu 100 kg Honig liefern. Rapshonig erkennt man sofort: Er ist weiß und cremig. Wenn das nicht nachhaltig ist!

​Doch auch die Landwirte wissen den Raps zu schätzen:

​Bodenverbesserer: 
Raps hat sehr tiefe Wurzeln (bis zu 1,5 Meter). Er lockert den Boden auf und bereitet ihn perfekt für das Getreide vor, das im nächsten Jahr dort wächst.
​Frühe Nahrungsquelle: 
Da Raps früh im Jahr blüht, ist er die erste große „Kantinenmahlzeit“ für Wildbienen und Hummeln nach dem Winter.
​Heimischer Rohstoff: 
Er reduziert die Abhängigkeit von Importen (wie Palmöl oder Soja aus Übersee).

​Ein Rohstoff mit Zukunft!

Heutzutage gehen wir oft achtlos an Rapsfeldern vorbei. Ich denke, manche – vor allem die Jüngeren – wissen gar nicht genau, was da eigentlich wächst. Mach es dir mal bewusst: Wenn du im Mai an einem Rapsfeld vorbeiläufst, riechst du diesen ganz speziellen, süßlich-herben Duft. Das sind die ätherischen Öle der Blüten, die Insekten über kilometerweite Distanzen anlocken.

​Raps ist ein echter „Oldie“ in der Landwirtschaft, auch wenn er früher eher das „hässliche Entlein“ war, bevor er zum goldenen Schwan der Felder wurde. Hier in der Gegend rund um die Geisel hat mir Isolde, die hier geboren wurde, eine alte Geiseltal-Geschichte erzählt:

​Es war einmal eine kleine Pflanze namens Ruprecht. Ruprecht war ein Raps und er war verdammt stolz auf seine gelben Blüten. Aber Ruprecht hatte ein Problem: Niemand wollte ihn essen.

Wenn eine Kuh an Ruprecht knabberte, verzog sie das Gesicht, als hätte sie in eine saure Zitrone gebissen, und rief: „Muuuh! Ruprecht, du schmeckst wie eine bittere Socke!“ Selbst die Bauern machten einen Bogen um Ruprecht, wenn es ums Abendessen ging.

​Ruprecht war traurig. „Bin ich denn zu nichts nütze?“, fragte er den Wind. Der Wind flüsterte: „Warte bis zum Abend, Ruprecht.“

​Als es dunkel wurde, kam ein Nachtwächter mit einer großen Öllampe vorbei. Er presste Ruprechts kleine schwarze Samen aus und füllte das Öl in die Lampe. Plötzlich – zisch! – brannte Ruprecht mit einer hellen, warmen Flamme. Er war der Star der Nacht! Er beleuchtete die Gassen, half verirrten Reisenden nach Hause und sorgte dafür, dass die Leute beim Feiern nicht über ihre eigenen Füße stolperten.

​Ruprecht war glücklich. Er war zwar keine Delikatesse, aber er war das Licht der Welt.

​Das Ende vom Lied: Eines Tages kamen kluge Wissenschaftler und sagten: „Ruprecht, du leuchtest toll, aber wir hätten dich jetzt auch gerne im Salat!“ Sie kitzelten die Bitterstoffe aus ihm heraus. Seitdem hat Ruprecht eine Doppelkarriere: Tagsüber glänzt er in der Pfanne und im Mai macht er die ganze Welt leuchtend gelb – ganz ohne Docht und Feuer.

​Ja, da haben wir den Salat! Heute ist Rapsöl in vielen Küchen ein fester Bestandteil. Ich denke, die meisten von euch haben ein „Pülleken“ Rapsöl im Haus. Findest du es auch faszinierend, dass man früher quasi „Lampenöl“ gegessen hätte, wenn man damals schon Rapsöl probiert hätte? Heute können wir uns sowohl an seinem Anblick als auch an seinem Geschmack im Salat erfreuen.

​Doch ich habe da noch eine Idee: Ein besonders wertvoller Raps-Verdauungs-Likör, der die Kehle wie Öl runterrinnt. Na, irre Idee? Ich arbeite dran und habe einem gewissen Herrn Lauterbach den Auftrag gegeben – der schafft das!

by Leahcim Lemmots

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