Imkerei Höveling

Begegnungen am Wegesrand – Ein botanischer Spaziergang

by Leahcim Lemmots
ar-natura.jimdosite.com

Diese Woche hatte es in sich: Pech, Pleiten und Pannen. Heute habe ich dann meinen Leihwagen zurückgebracht und hatte einen längeren Spaziergang vor mir. Wie immer ging es an einem Gebiet vorbei, wo früher mal das Leben tobte, aber nach der Wende hat sich hier alles aufgelöst. Was aber dazu führt, dass die Natur sich vieles zurückerobert und auch manche Tiere einen Rückzugsraum finden. Ich war gerade dabei, am Wegesrand einige Pflanzen zu fotografieren, als eine ältere Dame auf mich aufmerksam wurde. Sie blieb erstaunt stehen, lächelte und erzählte mir, dass auch sie die Natur hier immer ganz genau beobachte und es im Moment einfach herrlich viel zu entdecken gäbe. So kamen wir ins Gespräch und beschlossen spontan, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen. Ja, ich muss immer wieder staunen, was hier so alles wächst, manchmal im Schatten von Ruinen.

​Wir hielten vor einer Schmalblättrigen Ölweide an, deren schmale, silbrig-glänzende Blätter im Wind wie feine Weidenzweige tanzten.
  

Aus den kleinen, gelblichen Blüten strömte uns ein wunderbar süßer, intensiver Duft entgegen, der uns für einen Moment den Alltag völlig vergessen ließ. Die ersten kleinen Blüten waren schon versteckt am Blühen. Ein Stück weiter, fast verborgen am Wegesrand, entdeckten wir eine kleine, unscheinbare Pflanze, die uns mit ihrem schlichten Charme verzauberte: eine weiße Wiesen-Margerite.
  
Mit ihrem strahlend gelben Herz, das von einem Kranz schneeweißer Blütenblätter umgeben ist, reckte sie sich mutig dem Licht entgegen und wiegte sich sanft im Gras. Diese hübsche, bodenständige Blume ist nicht nur eine Augenweide und eine wichtige Tankstelle für Schmetterlinge und Wildbienen, sondern hat auch eine lange Tradition in der Volksheilkunde: Früher schätzte man sie als beruhigenden Tee, ähnlich der Kamille, und im Volksglauben gilt sie seit jeher als treue Orakelblume für das klassische „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht…“.

​Einige Schritte weiter hielten wir überrascht inne, als wir auf ein einzelnes, prachtvolles Exemplar des Wiesen-Bocksbarts stießen, das stolz am Wegesrand stand. 
  
Seine leuchtend gelbe Blüte, die wie eine kleine, filigrane Sonne im Gras strahlte, war ein so herrlicher und ungewohnter Anblick an dieser Stelle, dass wir die hübsche Pflanze eine ganze Weile schweigend bewunderten – nicht ahnend, dass uns später noch ein zweiter begegnen sollte. Der Wiesen-Bocksbart (geschrieben wie der Ziegenbock)! Das ist eine ganz wunderbare Entdeckung, vor allem, weil er eine faszinierende Eigenart hat: Er öffnet seine leuchtend gelben Blüten meist nur am Vormittag und schließt sie pünktlich um die Mittagszeit, weshalb er im Volksmund auch gern „Prinzessin des Tages“ oder „Johanneszeiger“ genannt wird.

​Was hier so alles zu sehen ist, wir staunten. Plötzlich veränderte sich das Bild am Wegesrand, und die Farbe Gelb wich einem reinen, fast schneebedeckt wirkenden Weiß: Überall um uns herum wiegten sich unzählige Pflanzen der Pfeilkresse im Wind. 
  
Ich hatte zuvor noch nie von dieser Pflanze gehört, doch wie sie dort in so dichter Fülle stand, ihre unzähligen kleinen, weißen Blütenköpfe in den Himmel streckte und uns mit ihrem würzigen, leicht scharfen Duft umgab, war es ein absolut faszinierender und wunderschöner Anblick. Die Pfeilkresse war ein wirklich toller Fund, denn wenn sie einmal Fuß gefasst hat, verwandelt sie die Wegränder im Mai oft in ein regelrechtes, weißes Blütenmeer. Ihren Namen verdankt sie übrigens den kleinen Blättern, die den Stängel pfeilförmig umschließen. Und um dein Wissen zu füttern: Ja, sie ist tatsächlich essbar! Die Blätter und Blüten schmecken angenehm scharf, fast wie Kresse oder Radieschen, und die Samen wurden früher sogar als Pfefferersatz verwendet. Gut, ich war wieder mal echt fasziniert, was hier alles so unbeachtet am Wegesrand zu sehen war. Die ältere Dame fand das auch alles sehr beeindruckend, was wir so entdeckten.

​Ein Stück weiter zog ein strahlender Busch unsere Blicke auf sich: eine Kolkwitzie, die uns wie eine rosafarbene Wolke am Wegesrand erschien. Ihre unzähligen, allerliebsten Glöckchenblüten in zartem Rosa und Weiß hingen in dichten Trauben herab und sahen im Sonnenlicht fast aus wie feines Perlmutt – ein vollkommen neuer, zauberhafter Anblick für mich, der diesem Spaziergang eine ganz besondere Note verlieh. 
  
Die Kolkwitzie – oft auch wunderschön „Perlmuttstrauch“ genannt – ist ein echter Geheimtipp für das Auge! Wenn sie im Mai und Juni blüht, verwandelt sie sich in ein wahres Wolkenmeer aus unzähligen kleinen, glockenförmigen Blüten. Dass sie mir so gut gefallen hat, ist kein Wunder: Ihre zartrosa Blüten haben im Schlund oft eine wunderschöne, gelb-orange Zeichnung, die Hummeln und Bienen magisch anzieht.

​Aber dann, hinter dem Zaun, wuchs alles wild und die Dame erzählte mir, was dort einst gewesen war. Schließlich führte uns der Weg an einen langen, hohen Zaun, hinter dem sich eine völlig unberührte, tief liegende Wildnis erstreckte. Zwischen dichten Sträuchern und emporwachsenden Bäumen glaubte ich, die Umrisse von alten Ruinen zu erkennen, und meine Begleiterin blieb stehen, um mir das Geheimnis dieses Ortes zu verraten: Einst stand genau hier die große Poliklinik von Krumpa – ein einst bedeutendes, geschäftiges medizinisches Zentrum, über dem stolz ein mächtiger Wasserturm thronte. Heute ist von dem einstigen Leben dort nichts mehr zu sehen; alles liegt verborgen und überwuchert im Dornröschenschlaf hinter dem Absperrzaun, als hätte die Natur einen grünen Mantel über die Geschichte des Ortes gelegt. Die Poliklinik im Braunkohlenort Krumpa (historisch oft im Zusammenhang mit dem großen Mineralölwerk und der Industriegeschichte der Region Geiseltal verbunden) war zu DDR-Zeiten ein enorm wichtiger Anlaufpunkt für die medizinische Versorgung der Arbeiter und der umliegenden Bevölkerung. Nach dem Ende des dortigen Industriebetriebes und dem Strukturwandel verloren viele dieser Gebäude ihre Funktion. Sie wurden verlassen, und oft blieb nach dem Abriss oder Verfall nur ein gesichertes, tiefes Gelände übrig, das heute ein echtes Biotop für die Pflanzenwelt ist – und eben genau jene geheimnisvolle Kulisse bietet, an der wir heute vorbeigekommen sind!

​Doch noch endete unsere Expedition durch die Wildnis nicht. Ja, vor der Wende war die Gegend um den heutigen Geiseltalsee eines der größten Kohlenabbaureviere der DDR. Wir wandten uns von dem geheimnisvollen Zaun ab, und schon nach wenigen Schritten empfing uns das Auge wieder mit purer Lebensfreude: Vor uns breiteten sich die Wiesen in einem herrlichen, tiefen Violettblau aus, das vom Wiesensalbei stammte, der sich dort wild und unbeschwert entfaltete. 
  
Wir bewunderten die stolzen Blütenkerzen, die im Wind wippten und von Hummeln umschwärmt wurden, und freuten uns über diesen farbenprächtigen Teppich, der die Natur so lebendig leuchten ließ. Der Wiesensalbei ist mit seinem tiefen, leuchtenden Violettblau ein absoluter Prachtkerl auf heimischen Wiesen! Er ist übrigens ein kleiner Akrobat der Natur: Wenn eine Hummel in die Blüte krabbelt, um an den Nektar zu kommen, löst sie einen genialen Hebelmechanismus aus, der ihr wie ein kleiner Stempel den Blütenstaub auf den Rücken drückt. Im Gegensatz zu seinem gezähmten Bruder, dem Echten Salbei aus dem Garten, schmeckt und duftet der wilde Wiesensalbei deutlich milder. Dennoch hat er einiges zu bieten: Seine wunderschönen, essbaren Blüten sind eine tolle, leicht würzige Dekoration für Salate oder Nachspeisen. Die Blätter wurden früher in der Volksheilkunde als sanfter Gurgeltee bei Halskratzen genutzt, und in der Küche passen sie – fein gehackt und in Butter geschwenkt – wunderbar zu Nudeln.

​Ja, ich bin immer wieder erstaunt, was so in nächster Nähe für Dinge wachsen, die uns heute völlig unbekannt sind. Als nächstes bot sich uns ein herrlicher Anblick in purem Weiß: Mehrere große, dicht gewachsene Büsche der Bibernell-Rose hatten sich hier stolz ausgebreitet. Ihre unzähligen, schlichten Blüten strahlten uns entgegen und rahmten den Weg wie ein natürlicher Festschmuck ein – ein wunderbarer Zufluchtsort für die Vogelwelt und ein wunderschönes Zeugnis dafür, wie prachtvoll sich unsere heimischen Wildrosen entfalten können. 
  
Die Bibernell-Rose (oft auch Dünen-Rose oder Stachel-Rose genannt) ist ein absolut faszinierendes Gewächs! Sie ist eine unserer ältesten heimischen Wildrosen und ein echter Überlebenskünstler, der mit sandigen, kargen Böden wunderbar zurechtkommt. Wenn sie sich erst einmal wohlfühlt, bildet sie über Ausläufer dichte, herrlich anzusehende Gebüsche.

​Und nützlich ist sie auf gleich zweifache Weise:

​Für die Natur: 
Ihre dichten, extrem stacheligen Büsche sind ein sicherer, geschützter Brutplatz für Vögel. Die ungefüllten, strahlend weißen Blüten mit den goldgelben Staubgefäßen in der Mitte sind im Frühjahr eine heiß begehrte Weide für Hummeln und Wildbienen.
​Für den Menschen: 
Im Herbst verwandeln sich die Blüten in kleine, fast schwarze, kugelrunde Hagebutten. Diese sind essbar und extrem reich an Vitamin C. Früher hat man daraus herbe, vitaminreiche Marmeladen, Säfte oder sogar einen feinen Rosenlikör hergestellt.

​Die ältere Dame hatte auch ihren Spaß und dann sagte sie, dass dort am Zaun etwas wächst, was sie als besonders hübsch ansieht, wenn es blüht. Mit leuchtenden Augen deutete meine Begleiterin auf den alten Zaun und verriet mir, dass hier ihre absolute Lieblingspflanze wuchs: eine Fächer-Zwergmispel. 
 
Sie zeigte mir zwei wunderschöne Exemplare, die sich flach und elegant wie grüne Fächer an das Holz schmiegten. Wir traten ganz nah heran und bewunderten die filigranen, fischgrätenartigen Zweige, die über und über mit winzigen, zartrosa glänzenden Blütenknospen übersät waren – ein stilles, kleines Kunstwerk der Natur, das man ohne ihren Hinweis fast übersehen hätte. Die Fächer-Zwergmispel (botanisch Cotoneaster horizontalis) ist wirklich eine faszinierende Wahl für eine Lieblingspflanze – meine Begleiterin hat da ein echtes Auge fürs Detail! Das Besondere an ihr ist ihre Wuchsform: Ihre Zweige wachsen fächerförmig und flach, fast wie das feine Skelett eines Fischgrätenmusters. Sie schmiegt sich perfekt an Mauern, Steine oder eben alte Zäune an. Im Moment, so mitten im Mai, trägt sie unzählige winzige, porzellanartig glänzende Blüten, die meist weiß mit einem zarten rosa Rand sind. Sie sind so klein, dass man wirklich genau hinschauen muss, um sie zu bewundern. Und das Beste kommt im Herbst: Dann verwandelt sich die Pflanze in ein wahres Feuerwerk, wenn aus den Blüten leuchtend rote, erbsengroße Beeren werden und die Blätter sich tief orange-rot färben. Für Vögel ist das im Winter ein gedeckter Tisch.

​Unsere Aufmerksamkeit wurde kurz darauf von einer mächtigen, hoch aufragenden Gestalt gefesselt: Ein prachtvoller Stumpfblättriger Ampfer kreuzte unseren Weg. Die ältere Dame erkannte die Gattung sofort, blieb begeistert stehen und rief: „Oh, das ist ein Ampfer!“ 
  
Mit seinen großen Blättern und den dichten, imposanten Blütenständen, die stolz in den Himmel ragten, wirkte er wie ein urzeitlicher Riese zwischen den feinen Gräsern und zog uns sofort in seinen Bann. Dieser Ampfer ist eine wirklich stattliche Erscheinung! Wenn er am Wegesrand oder auf alten Brachflächen steht, fällt er sofort durch seine Größe auf. Zudem hat er eine kräftige Pfahlwurzel, die ihn felsenfest im Boden verankert. In der Natur ist er außerdem eine unverzichtbare Kinderstube für die Raupen des wunderschönen, seltenen Dukatenfalters (ein kleiner, leuchtend orangefarbener Schmetterling). Von diesem kleinen Falter erzählte mir auch die Dame. Sie hatte ihn hier schon oft gesehen, da sie fast jeden Tag hier einen Spaziergang machte.

​Und dann sahen wir es schon von Weitem leuchten: Ein intensives, warmes Gelb zog unsere Blicke magisch an den Zäunen entlang. Es war der Gewöhnliche Goldregen, der dort wuchs und dessen lange, dichte Blütenkaskaden wie ein goldener Regen herabhingen. Er bot einen fast majestätischen Anblick, wie er dort in der Sonne strahlte und dem Weg einen glanzvollen, farbenprächtigen Akzent verlieh. Der Gewöhnliche Goldregen macht seinem Namen im Mai wirklich alle Ehre! 
  
Wenn er blüht, sieht es aus, als würde ein goldener Wasserfall über den Zaun stürzen. Seine langen, herabhängenden Blütentrauben leuchten so intensiv gelb, dass man sie schon aus der Ferne unmöglich übersehen kann. Das Wichtigste, was man über den Goldregen wissen muss (und was die ältere Dame sicherlich auch wusste): Er ist zwar wunderschön anzusehen, aber in all seinen Teilen – besonders in den späteren Samen – hochgiftig. In der Natur erfüllt er dennoch einen tollen Zweck, denn seine Blüten sind eine absolute Lieblingsspeise für Hummeln. Für uns Menschen ist er einfach ein prachtvolles, majestätisches Signal dafür, dass der Frühling auf seinem Höhepunkt ist. Ja, auch meine Zufallsbegleiterin war von unserem Spaziergang sichtlich angetan.

​Kurz bevor sich unsere Wege trennten, beschenkte uns der Pfad noch mit einer letzten Entdeckung: einer Knoblauchsrauke. 

Wir rieben vorsichtig ein Blatt zwischen den Fingern und augenblicklich stieg uns ein herrlicher, frischer Duft nach Knoblauch in die Nase – ein letztes, kleines Naturwunder für die Sinne. Das Besondere an ihr ist ihr Name und ihr Duft: Wenn man ihre zarten, herzförmigen Blätter zwischen den Fingern reibt, verströmen sie einen ganz intensiven, wunderbaren Duft nach frischem Knoblauch. Im Gegensatz zu echtem Knoblauch hinterlässt sie nach dem Essen aber keinen bleibenden Atem. Sie ist eines der ältesten bekannten heimischen Wildwürzkräuter und schmeckt im Salat oder Quark herrlich frisch und würzig.

​Nach diesem gemeinsamen Staunen war es Zeit, Lebewohl zu sagen; erfüllt von den vielen bunten Eindrücken und der unerwartet schönen Gemeinschaft trennten sich unsere Wege – sie ging nach links, und ich ging nach rechts. Während die Dame langsam aus meinem Blickwinkel und meinen Augen verschwand, trugen mich meine Schritte noch an einer letzten Wiese vorbei. Dort hielt ich ehrfürchtig inne: Zwei prachtvolle, richtig weiß leuchtende Nippon-Spiersträucher standen da und strahlten in der Sonne – eine absolute Augenweide. 
  
Ich musste einfach hingehen und sie aus der Nähe bewundern. Sie bildeten einen Abschluss ganz in Weiß. So standen sie vor mir, diese majestätischen Sträucher, und in meinem Kopf erklang leise das Lied von einst, das Roy Black damals gesungen hatte: „Ganz in Weiß…“ – ein perfekter, friedlicher Schlusspunkt für diesen unvergesslichen Tag. Der Nippon-Spierstrauch (Spiraea nipponica) macht diesem Lied im Mai alle Ehre. Wenn er in voller Blüte steht, sieht man vor lauter schneeweißen Blütenbällen kaum noch die grünen Blätter. Die Zweige biegen sich oft elegant wie weiße Kaskaden nach unten. Er ist ein wahrer Magnet für Schmetterlinge und bildet genau das strahlende Finale, das so ein inspirierender Spaziergang verdient hat. Bei Roy Black musste ich auch an meine Mutter denken, die einst ein großer Fan von ihm war." />" />

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